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Etwa 170 sogenannte Freie Schulen - das sind im Gegensatz zu staatlichen Schulen solche in freier Trägerschaft - bangen zurzeit in Brandenburg um ihr Fortbestehen. Denn die Landesregierung will im kommenden Jahr ihre Zuschüsse an Freie Schulen um zirka 20 Prozent kürzen. Kommunen und Opposition bezweifeln den Spareffekt und sehen vielmehr Ideologietäter am Werk.
Seit fast zehn Tagen campieren Lehrer und Eltern von Brandenburger Schülern vor dem Landtag in Potsdam. Sie protestieren, weil die Landesregierung die Zuschüsse für rund 160 Schulen in freier Trägerschaft kürzen will - und zwar um etwa 20 Prozent. Trotz der Kälte wollen sie alle bis auf weiteres hier ausharren, um die Politiker von den Kürzungen abzubringen. Die Vertreter der freien Schulen befürchten, dass viele der freien Schulen, vor allem auf dem Land, womöglich schließen müssten. Über die Hintergründe der Sparpläne und warum die Eltern so sehr für ihre Schulen kämpfen – Andrea Everwien.
Montagmorgen, Matheunterricht in der Freien Schule Angermünde: Das Thema: Bruchrechnung. Was ist ein Viertel, was ein Achtel? Wenn Torte und Apfel gerecht geteilt werden müssen, begreift das jeder Schüler sofort. Mit den Sinnen lernen, das Abstrakte begreifbar machen - Montessori-Pädagogik ist noch immer eine Besonderheit an Brandenburgs Schulen. Zwischendurch können die Schüler im Ruheraum entspannen - oder das Einmaleins nach Noten üben.
Dabei erzielen sie gute Abschlüsse: Etwa 50 Prozent der Kinder besuchen nach der 6. Klasse ein Gymnasium.
Sabine Bochow, Schulleiterin Freie Schule Angermünde
„Ich denke, was unsere Schüler ausmacht, ist eine große Lernmotivation. Sie arbeiten selbständiger."
Vor zehn Jahren fing hier Freie Schule Angermünde an: mit acht Kindern in zwei Räumen. Heute sind es 55 Schüler. Die staatliche Schule in der Stadt arbeitete einigen Eltern noch zu sehr im Stile alter DDR-Pädagogik. Deshalb beschloss Axel Kahlhorn mit ein paar Gleichgesinnten: Wir gründen eine eigene Schule."
Axel Kalhorn, Freie Schule Angermünde e.V.
„…und haben dann mit ziemlich viel Kraftaufwand und finanziellem Aufwand diese Schule aufgebaut, haben die sechs Jahre hochgezogen, haben ein Haus gekauft, das Haus saniert, haben Lehrer eingestellt, haben den Betrieb aufgebaut.“
Und so wird diese Schule bisher finanziert: Zuerst gründeten die Eltern den gemeinnützigen Trägerverein „Freie Schule Angermünde e.V." Der bezahlt das Schulgebäude, die Renovierung, Heizung, Wasser und Strom und alle Lehrmittel von der Tafel bis zum Basketball.
Die Eltern zahlen dafür Schulgeld, in Angermünde im Durchschnitt 190 Euro pro Kind im Monat. Das Land übernimmt die Personalkosten für die Lehrer in Höhe von 94 Prozent der Personalkosten einer vergleichbaren öffentlichen Schule. 35 Prozent der Gesamtkosten tragen also die Eltern, der Staat nur etwa 65 Prozent.
Wenn aber der Staat eine öffentliche Schule betreibt, zahlt die Kommune für das Schulgebäude und sämtliche Sachmittel mit Steuergeldern, natürlich. Die Personalkosten für die Lehrer übernimmt das Land komplett. Also: die Freie Schule ist für den Steuerzahler immer preiswerter als die öffentliche.
Axel Kalhorn, Freie Schule Angermünde e.V.
„Wenn sie also sagen: Wir wollen Geld sparen, dann könnte man sagen: Dann müsst ihr mehr freie Schulen genehmigen."
Das legt auch eine Studie nahe, die das Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft im Juli dieses Jahres veröffentlicht hat. Danach kostet in Brandenburg ein Schüler auf einer freien Schule den Staat 1.800 Euro weniger als ein Schüler auf einer öffentlichen Schule.
Dennoch will Brandenburgs Bildungsministerin Martina Münch, SPD, ausgerechnet bei den freien Schulen sparen. In den nächsten vier Jahren gibt es 17,7 Millionen Euro weniger für sie - das sind im Schnitt etwa 20 Prozent der bisherigen Zuschüsse.
Der Pressesprecher des Bildungsministeriums erklärt, das Land habe wegen sinkender Schülerzahlen sehr viel Geld für Lehrer ausgeben müssen, um flächendeckend öffentliche Schulen erhalten zu können. Davon hätten die freien Schulen ungerechtfertigter Weise profitiert.
KLARTEXT
„Wieso haben die davon profitiert?“
Stephan Breiding, Bildungsministerium Brandenburg
„Die Schulen in freier Trägerschaft bekommen ja bislang nach der bisherigen Finanzierungsstruktur 94 Prozent der Personalkosten, die an einer vergleichbaren öffentlichen Schule anfallen. Das bedeutet: Alles das, was eine öffentliche Schule ein Stück weit teurer macht, fließt dann auch in dieser Prozentberechnung den freien Schulen zu.“
Weil die Landesregierung flächendeckend öffentliche Schulen erhalten will, sollen die freien Schulen Kürzungen hinnehmen? Dieser Logik können die Eltern von Brandenburgs freien Schulen nicht folgen, deswegen protestieren sie gegen die Kürzungsplane.
Für die freie Schule Angermünde bedeutet die Kürzung der Zuschüsse wahrscheinlich das Aus. Das Schulgeld erhöhen: unmöglich. Schon heute liefern manche Eltern ihren Beitrag in Form von Naturalien für die Gemeinschaftsküche oder in Form von Arbeitsstunden auf dem Schulbau ab.
Vor drei Jahren haben die Eltern nämlich mit dem Aufbau einer Oberschule begonnen. Natürlich mit Zustimmung des Landes. Der Finanzierungsplan: auf zehn Jahre mit dem Bildungsministerium abgestimmt und von diesem genehmigt. Drei Jahre lang sollten die Eltern die Schule allein finanzieren, danach würde das Land - wie bisher üblich - mit den 94 Prozent der Personalkosten einer vergleichbaren öffentlichen Schule einspringen. Im Vertrauen auf diese Zusage nahmen die Eltern mit dem Trägerverein einen Kredit auf: 200.000 Euro, für den sie persönlich bürgen.
Axel Kalhorn, Freie Schule Angermünde e.V.
„Jedes Elternteil, der hier sein Kind in die Schule bringt, ist hier mit 3000 Euro dabei. Zusätzlich Vereinsmitglieder, Freunde und Unterstützer der Schule."
Doch der Umbau der Schule ist noch nicht abgeschlossen - da wirft das Land durch seine Kürzungsabsichten schon den verabredeten Finanzierungsplan über den Haufen.
Axel Kalhorn, Freie Schule Angermünde e.V.
„Wenn das Gesetz kommt und die Kürzungen so kommen, müssen wir die Oberschule schon zum Halbjahr schließen, also im Februar. Der Verein geht insolvent, das Geld ist weg und die Eltern zahlen die Bürgschaften an die Bank.“
Einreißen, bevor aufgebaut ist - das scheint das Prinzip des Umgangs mit freien Schulen in Brandenburg zu sein. Die öffentlichen Schulen sind der Landesregierung offenbar wichtiger - auch wenn sie letztlich den Steuerzahler mehr kosten.
Stephan Breiding, Bildungsministerium Brandenburg
„Wir sagen, wir müssen für jeden Schüler im Land eine öffentliche Schule vorhalten, die freien Schulen sind ein zusätzliches Angebot. Sie sind willkommen als zusätzliches Angebot, aber sie sind ein zusätzliches Angebot. "
KLARTEXT
„Ist das gesetzlich so festgeschrieben?"
Stephan Breiding Ministerium für Bildung, Jugend und Sport Brandenburg
„Das ist unser Selbstverständnis."
Für dieses Selbstverständnis nimmt die Landesregierung viel in Kauf: vor allem den Frust von Bürgern, die sich persönlich für gute Schulen im Land engagieren.
Axel Kalhorn, Freie Schule Angermünde e.V.
„Man geht die Aktiven, man geht die Engagierten an, man geht die Leute an, die ein Interesse haben für das Land, in dem sie leben, die sich einbringen. Ich verstehe nicht, wie ein Politiker sich genau mit diesen Eltern anlegen kann.“
Ob die Sparpläne nun wirklich durchgesetzt werden - das wird sich am 15. Dezember zeigen, dann stimmt der Landtag über den Beschluss zu den Kürzungen ab.
Autorin: Andrea Everwien
© Rundfunk Berlin-Brandenburg
http://www.rbb-online.de/klartext/archiv/klartext_vom_26_10/gefaehrdet___stehen.html